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Unkorrigierte Leseprobe aus "Dein Bein" © Rolf Robert / Frankfurt 2003
Ein Unglück kommt selten allein. In meinem Fall begann der Ärger mit sechs Frauen. Alle waren mehr oder weniger gute Freundinnen meiner eigenen Frau. Alle waren in etwa im gleichen Alter, etwa Ende Dreißig bis Mitte Vierzig. Alle in ähnlichen familiären Situationen. Fast alle verheiratet, alle hatten Kinder und die Ehemänner waren durch ihren Beruf zeitlich sehr in Anspruch genommen.
Immer wenn ich am Wochenende von meinen Geschäftsreisen quer durch Europa nach Hause kam, hing mindestens eine von den vier Freundinnen bei Helga herum und klagte ihr Leid, über ihren Mann, ihre Eheprobleme, die Männer allgemein und wie schlecht es das Leben mit ihr gemeint hat. Meist hatten sie ihr Leid dann auch schon mit reichlich Rot- oder Weißwein begossen. Es war immer wieder das Gleiche. Alle hatten Probleme mit ihren Ehemännern, die nur an ihre Arbeit dachten und immer nur das Eine wollten. Entweder zu oft, oder zu selten, aber auf jeden Fall immer nicht gut genug. Außerdem waren sie überhaupt nicht romantisch, nicht zärtlich, nicht aufmerksam genug. Alle hatten keinen Vornamen mehr, sondern hießen nur noch „DER“. DER hat doch nur seine Arbeit im Kopf und am Wochenende seine Hobbys. DER merkt doch gar nicht, wenn ich mich mal hübsch gemacht habe. DER ist doch immer nur müde. Kaum hat DER sich hingelegt, schon schnarcht DER los. DER hat doch keine Ahnung, was es heißt den ganzen Tag die Kinder zu versorgen und den Haushalt zu machen. DER versteht einfach nicht, dass auch ich als Frau ein Recht auf Freizeit und Entspannung habe. DER hat von Autos mehr Ahnung als von Frauen. DER kann mit einer ganzen Horde wilder Weiber auf eine einsamen Insel stranden und wird nach Monaten noch als Jungfrau gerettet. DER ist sowas von geizig. Alles Geld steckt er in die Firma/das Haus/die Wohnung/sein Hobby, für mich bleibt da nichts übrig. DER würde beim Gruppensex sicher sagen „Nein danke, ich war heute schon mal dran“. DER würde nicht im Traum darauf kommen, dass sich andere Männer für mich interessieren. DER glaubt er sei der Herr im Haus, nur weil er das Geld verdient. DER kann was erleben, wenn er dieses Jahr schon wieder unseren Hochzeitstag/meinen Geburtstag vergisst. DER kann sich jetzt seine Unterhosen selber waschen; ich bin doch nicht seine Dienstmagd. DER, DER, DER ...
Und dazu wurde in Mengen Alkohol konsumiert, der sicher auch einer weiblichen Leber auf Dauer nicht gut bekommt. Rotwein, Weißwein, Sekt, Champagner und ab und zu einen Likör der Cognac. Regelmäßig endeten diese Abende mit stark alkoholisierten Damen, die sich ans Steuer ihres familiären Zweitwagens setzten, ihre bereits vor Stunden eingeschlafenen Kinder auf den Rücksitz packten und unter der Androhung, dass DER zu Hause, DER sich sicher schon seit Stunden Sorgen über den Verbleib von Frau und Kindern machte, ja, dass DER jetzt aber gleich was erleben könnte. Zurück blieb meist ein verqualmtes Wohnzimmer, überall leere Getränkeflaschen und eine mit schmutzigem Geschirr angefüllte Küche, denn der Besuch war schon am frühen Nachmittag mit Kind und Kegel zum Kaffee trinken angereist. Außerdem eine Ehefrau, die ich seit einer Woche weder gesehen noch gespürt hatte. Und die in mir, nach einer solchen Seelenmassage, einen Vertreter dieser Spezies sah, über die sie sich gerade mit ihren Freundinnen stundenlang das Maul zerrissen hatten. Für mich wahrlich keine guten Voraussetzungen für ein harmonisches Wochenende und den zwischen Mann und Frau üblichen und zeitweise auch notwendigen Zärtlichkeiten. Anfangs versuchte ich die Kommunikation zu Helga wieder dadurch aufzubauen, dass ich Kommentare zu den gerade gehörten Eheproblemen ihrer Freundinnen abgab. Jedoch musste ich nach einigen sehr harschen verbalen Verweisen „was denn ich davon verstehe“ oder „gerade du musst was sagen“, erkennen, dass das keine sehr gute Idee war. „Was soll das heißen?“, wollte ich wissen, „was willst du mit ‚gerade du‘ sagen? Nur weil sich deine Freundinnen nicht mit ihren Ehemännern vertragen und ihre Eheproblemchen hier bei uns jeden Freitag zum Anlass nehmen um sich zu betrinken, bekommen wir jetzt einen Ehekrach? Ich habe wirklich zum Abschluss einer heftigen Arbeitswoche etwas Besseres zu tun, als mir den Schwachsinn dieser übergeschnappten Gänse anzuhören. Außerdem trinken sie uns den besten Wein weg. Und der Haushalt sieht jedes Mal aus als hätte eine Bombe eingeschlagen. Das geht jetzt schon seit Monaten so, dass jeden Freitag diese Weiber hier rumhängen. Damit ist jetzt Schluss. Das war heute die letzte Veranstaltung dieser Art. Ab sofort beginnt bei uns am Freitag das Wochenende und das dauert bis zum Sonntag. Und in dieser Zeit will ich von deinen Freundinnen hier keine mehr im Haus sehen. Ist das klar?“ Das letzte Wort meines Wutausbruchs fiel zusammen mit der Tür, die von außen ins Schloss fiel. Ich stand und starrte die Tür an, während ich hörte wie Helga die Treppe zu den Schlafräumen hochstieg. „So eine Scheiße“, sagte ich zu mit selbst, „verdammt noch mal, ist doch wahr“. Ich war nach der Arbeitswoche, die mich quer durch Europa gehetzt hatte, dem langen Arbeitstag, dem Flug zurück nach Frankfurt und der anschließenden Autofahrt todmüde. Aber eine große Lust mich jetzt neben Helga ins Bett zu legen und deren eisige kalte Ablehnung zu spüren, hatte ich wirklich nicht. Stattdessen ging ich zum Kühlschrank und holte mir eine Flasche Bier, die ich noch in der Küche halb leer trank. Dann setzte ich mich im Wohnzimmer auf die Couch und zappte mich durch die Fernsehprogramme. Nichts Gescheites außer die immer gleichen Diskussionen, Nachrichten und alten Spielfilme. In einem Sender kam ein Softporno mit ein bisschen nacktem Busen und dann im Halbdunkel ein zuckender Männerhintern zwischen gespreizten Frauenbeinen. Ich trank den Rest der Bierflasche in einem Zug leer und holte mir aus dem Kühlschrank gleich eine neue Flasche. Auf dem Bildschirm war der Männerhintern jetzt nicht mehr zwischen den Frauenbeinen, sondern der Frauenkopf war jetzt zwischen den Männerbeinen. Auf jeden Fall sah das im Halbdunkel so aus. Den Ton hatte ich stumm geschaltet. Ich war nicht scharf darauf, zu hören, was der Mann jetzt zu seiner Partnerin sagen könnte. Während ich auf den Bildschirm starrte gingen mir die Freundinnen durch den Kopf. Was waren das für Weiber? Warum mussten die ihre Probleme hier in unserem Haus abladen? Warum hatte ich jetzt nicht nur ein verdorbenes Wochenende, sondern dazu auch noch einen handfesten Ehekrach? Die Ehe mit Helga hatte auch ihre Höhen und Tiefen gehabt, aber irgendwie waren wir in den letzten Jahrzehnten doch gut über die Runden gekommen. Über zwanzig Jahre waren wir schon verheiratet. Die wenigste Zeit davon war ich zu Hause gewesen. Immer am Montag fort und am Freitag wieder nach Hause. Dazu brauchte man eine gute starke Ehe, sonst ging das nicht lange gut Aber jetzt hatte ich zum ersten Mal ein ungutes Gefühl. Vielleicht auch deshalb, weil ich an mir selbst die Veränderungen der Zeit spürte. Die viele Arbeit zehrte an meiner Substanz, ich brauchte länger um mich aus den Stressphasen zu erholen. Privat waren mir Ruhe und Geborgenheit mir wichtiger geworden, als die Teilnahme an gesellschaftlichen Veranstaltungen. Ich wollte in meiner Freizeit außerhalb der Firma meine Ruhe haben. Die ganze Woche hatte ich mit Menschen zu tun, diskutierte mit ihnen, beantwortete ihre Fragen, gab Anweisungen, hielt Vorträge und Reden. Am Abend, wenn ich erschöpft ins Bett fiel, lief mein Gehirn noch auf vollen Touren, aber der Mund wollte nicht mehr sprechen. Und ich wollte mir auch nicht in meiner freien Zeit , den Frust von unzufriedenen und unbefriedigten Ehefrauen anhören müssen. Ich starrte auf den Bildschirm, wo sich gerade mehrere nackte Männer mit mehreren nackten Frauen an, um und in einem Swimmingpool paarten.
Eine der Frauen sah aus wie Ulrike, eine der besten Freundinnen von Helga. Uki, wie die anderen sie nannten, war Anfang Vierzig, war klein, blond und zierlich. Sie war eher unscheinbar blass als auffällig. Für mich hatte sie die Erotik eines Glas Sodawassers. Sie war mit einem Musiker, einem Franzosen, verheiratet. Zwei Kinder hatten sie; einen Jungen und ein Mädchen. Uki war Lehrerin mit einem halben Deputat und viel Freizeit.. Finanzielle Probleme hatte sie keine, zumindest soweit man es als Außenstehender beurteilen konnte. Eigentlich schien in dieser Familie alles in Ordnung zu sein. Nette ruhige Nachbarn, wie sie jeder gerne hätte; geordnete familiäre Verhältnisse, brave und wohlerzogene Kinder, liebevolle fürsorgliche Eltern. Und doch hatte Uki Probleme, die sie mit in unser Haus brachte. Sie benützte uns, genauer ihre Freundin und meine Ehefrau Helga, als Alibi während sie sich mit ‚Männern‘ traf. Uki suchte sich potente paarungswillige Männer über Kontaktanzeigen. Ich hatte einige Zeit gebraucht um dahinter zu kommen, denn erzählt hatte mir das ja natürlich niemand. Uki war offiziell immer bei Helga. Inoffiziell lies sie sich jedoch im Auto von diversen Männern auf den Autobahnrastplätzen entlang der A5 ficken. Zwei- bis dreimal die Woche. Danach kam sie immer noch ein bisschen bei uns vorbei, damit sie zu Hause nicht zuviel lügen musste.
Renate, die zweite Freundin, die ihre Probleme bei uns ablud, machte es da ganz anders. Ihr Mann hatte eine Firma gegründet und alle Hände voll zu tun, um das Geschäft am Laufen zu halten. Außerdem renovierte er in seiner Freizeit noch einen großen Bauernhof, den Renate zum Sitz der Familie, mit ihren zwei Söhnen, auserkoren hatte. Renate war eine brünette, attraktive schlanke Frau Ende Dreißig und arbeitete als Bibliothekarin. Sie bereitete ihre Verhältnisse von langer Hand vor und baute sich sorgsam die dazu notwendige Infrastruktur auf. Auch integrierte sie ihre Liebhaber ganz geschickt in ihr tägliches Umfeld und zog aus der Gewährung ihrer Gunst auch berufliche und finanzielle Vorteile. Der erste Liebhaber, von dem ich etwas mitbekam, war ein Asylbewerber, dessen sie sich annahm. Zuerst kümmerte sie sich um einen Ausbildungsplatz und Sprachkurs für ihn. Dann suchte sie eine kleine Wohnung und richtete sie für ihn ein. Das Bett hat sie dann mit ihm zusammen ein paar mal ausprobiert, aber als der Asylbewerber daraus eine feste Beziehung machen wollte, hat sie ihn abgewiesen. Denn da hatte sie, bereits ein festes Verhältnis mit einem wichtigen Mann aus der Stadtverwaltung, mit dem sie beruflich zu tun hatte. Sie traf sich mit ihm während ihrer zweistündigen Mittagspause in der Bibliothek, die einen direkten, von außen nicht einsehbaren Zugang vom Gemeindehaus hatte. Wenn der Herr Stadtkämmerer Bock hatte, dann kam er einfach zu einem Schäferstündchen durch den Garten, fickte die Renate auf der Spielmatratze in der Kinderecke ein bisschen durch, trank dann noch ein Tässchen Kaffee und ging wieder. Alle waren sie glücklich und befriedigt, aber dennoch musste Renate ihren Frust über ihren Ehemann, der nur seine Firma im Kopf und keine Lust mehr auf Sex hatte, bei uns zu Hause abladen. Weil Renate durch die Routineficks mit dem Stadtkämmerer noch nicht ausgelastet war, brachte sie sich noch von einem Wochenendausflug nach Köln ein weiteres Verhältnis mit. Einen verkrachten Berufsmusiker, einen verrauchten und leicht versoffenen Saxophonisten aus den Kellerkneipen der Kölner Altstadt. Auch das wurde bei den Freitagsmeetings bei uns im Hause durchgehechelt.
Die Dritte im Bunde war Gabi. Sie war die Einzige, die je versucht hatte mir mal kurz schöne Augen zu machen, als sie der sexuelle Notstand befiel. Aber Gaby war nicht mein Typ. Dunkelblond, etwas bieder, zeitweise etwas mollig, vom Typ her eher Hausfrau als Vamp. Gaby war mit einem Handelsvertreter für Trikotagen verheiratet, der die meiste Zeit auf irgendeiner Autobahn, in irgendeinem Stau auf der Fahrt zu irgendeinem Termin stand. Gaby hatte erst Anfang Dreißig geheiratet, hatte eine kleine Tochter, die gerade erst eingeschult worden war, und viel Tagesfreizeit, vor allem am Vormittag. Gaby war es langweilig. Sie suchte sich einen Job, an dem sie Vormittags ein paar Stunden unter den Leuten sein konnte, wie sie es nannte. Sie fand nach kurzer Zeit eine Stelle, bei einem jungen Architektenteam. Kurz danach war sie dann auch unter den Leuten. Zuerst unter dem einen Architekten und dann, nach einigen Monaten unter dem anderen Architekten. Irgendwann gab es dann Krach, weil Gaby ihre eigentliche Arbeit vernachlässigte und glaubte sich durch die körperliche Vertrautheit gewisse Freiheiten gönnen zu können. In einer weinseligen Stunde hat sie dann mal erzählt, dass einer der Architekten ihr gesagt hätte, „dass sie für das Schreiben von Briefen bezahlt wird und nicht dafür, dass sie mit seinem Kompagnon fickt“. Da hat Gaby schmollend gekündigt und sich gleich danach mit einem Mann eingelassen, den sie auf einer Bootsausstellung kennengelernt hat. Dieser Mann, - seinen Namen habe ich vergessen-, hatte ein Schwimmauto, mit dem man auf der Straße fahren und auf dem Wasser schwimmen konnte. Gaby hat dann am Wochenende ihre kleine Tochter bei uns abgegeben und ist mit ihrem neuen Freund und dem Schwimmauto auf dem Neckar unterwegs gewesen. Irgendwo an einer geschützten Stelle zwischen Hirschhorn und Neckargemünd haben sie dann das Schwimmauto geankert. Weitere Details entzogen sich meiner Kenntnis. Aber wohl durch die Art der Tätigkeit, die die Beiden an Bord trieben, hat sich der Anker gelöst und auch das Schwimmauto fing an zu treiben. Und so kam es, dass sie auf eine Brücke zutrieben, während sie es miteinander trieben. Wie der Zufall es manchmal so will, stand auf der Brücke ein Mann mit einem Fotoapparat und drückte einige Male auf den Auslöser, um das seltsame Schwimmauto abzulichten. So was sieht man schließlich ja nicht alle Tage. Auch als das Schwimmauto mit dem Brückenpfeiler kollidierte, anschließend langsam voll Wasser lief, was dem Motor nicht gut bekam um dann steuerungslos nahe dem Ufer auf den Grund zu sinken, hat der eifrige Fotograf ebenfalls Bild für Bild auf seinen Film gebannt. In der Lokalzeitung vom nächsten Montag war unter der Überschrift „Schwimmauto prallt gegen Brückenpfeiler und sinkt“ ein nur notdürftig bekleidetes Pärchen zu sehen, das nur die wichtigsten Kleidungsstücke retten konnte. Der klatschnassen Gabi war auf dem Foto der Schreck noch anzusehen. Das Foto in der Zeitung hat dann jeder gesehen, auch der unter Termindruck über die Autobahn rasende Ehemann. Da ihm Gabi keine plausible Erklärung abgeben konnte, was sie auf dem Boot, mit dem Mann so intensiv und lange getrieben hat, dass sie nicht merkten, dass sie auf dem Wasser gegen die Brücke trieben, hat der Ehemann seine Sachen gepackt, ist aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen und hat die Scheidung eingereicht.. Seitdem war Gabi hinter jeder Hose her und ihre Erlebnisse und Beziehungskisten, sowie ihre schlechte Meinung über ihren ‚Ehemaligen‘ ersäufte sie jeden Freitag bei uns zu Hause.
Und dann war da noch Uschi. Sie war eine Karrierefrau und mit einem Arbeitskollegen von mir verheiratet. Wegen Studium und Karriere hatten sie erst spät geheiratet und ein Kind bekommen. Von da an blieb Uschi zu Hause und zog unzufrieden mit ihrem Schicksal durch die Gegend, immer begleitet von ihrem Kleinkind. Uschi kam ursprünglich aus dem Großraum Köln. Auf sie gingen auch die Wochenendausflüge der Viererbande zurück, bei denen Renate ihren Saxophonisten kennengelernt und mit aufs Hotelzimmer genommen hatte. Erst später kam heraus, dass Uschi an diesem Abend wohl zuerst vom Trompeter der Kapelle und anschließend vom Schlagzeuger vernascht worden war. Uschi konnte sich aber wegen exzessivem Alkoholgenuss nicht mehr an Details erinnern. Um ihren Hausfrauenfrust loszuwerden und die Zeit totzuschlagen, solange ihre Tochter im Kindergarten war, wurde Uschi Mitglied in diversen Vereinen. Bald war es ein offenes Geheimnis, dass sie bei ihrem Tennislehrer nicht nur Tennisstunden nahm. Überhaupt hatte Uschi nicht nur ein offenes Ohr für die sexuellen Begehrlichkeiten der, meist jungen Männer. Wie mir so erzählt und zugetragen wurde war Uschi sehr und überall offen. Jederzeit, an jedem Ort, bei jeder Gelegenheit. Ich selbst hatte Uschi einmal während einer Messeveranstaltung in München abends an der Hotelbar in Aktion erlebt. Damals hatte ich mir aber noch nichts dabei gedacht, als sie innerhalb von einer Stunde zweimal mit fremden jungen Männern die Bar verließ und kurze Zeit später alleine wieder zurückkam. Als Uschis Ehemann ihre vielen Eskapaden zu Ohren kamen, hat er sie ordentlich verdroschen, was für einen studierten Theologen eher ungewöhnlich war. Danach hatte er seinen gutbezahlten Job gekündigt und war weggezogen. Und seitdem hing Uschi an den Freitagen bei mir zu Hause rum, besoff sich systematisch mit meinem Wein, denn Uschi trank nur Rotwein und schimpfte über ihren ‚Schlappschwanz‘, der jetzt auch noch versuchte ihr die gemeinsame Tochter wegzunehmen. Und die anderen Kerle, die eigentlich doch auch nur immer das „Eine“ von ihr wollten.
Sabine war das genaue Gegenteil. Modell graue Maus, mit unauffälligem Pagenhaarschnitt, vermutlich zwischen den Friseurterminen aus Kostengründen etwas selbst korrigiert und zurecht geschnipselt. Kleidung meist sackartig und unauffällig. Figur zwischen schlank und schlaff, wie die ganze Frau etwas kraftlos wirkte. So war auch ihr Händedruck, kraftlos, saftlos und schlaff, wie der Händedruck einer gerade noch lauwarmen Leiche. Richtig heiß wurde Sabine nur wenn sie einen über den Durst getrunken hatte. Und das kam mit zunehmenden Alter immer häufiger, oder fast bei jeder sich bietenden Gelegenheit vor. Sabine war in einem etwas undefinierten Alter, vermutlich Mitte Dreißig bis Anfang Vierzig. Und Sabine war ledig. Konkreter hieß das, dass Sabine nicht verheiratet war. Denn Sabine war nicht gänzlich unbemannt, auch wenn sie nicht mit dem Vater ihrer Tochter unter einem Dach zusammenlebte. Die Tochter hatte sich Sabine im Heu eines Pferdestalls vor etwas zwölf Jahren von einem Reitlehrer eingefangen, der seine Aufgabe nicht nur im Zureiten von Pferden sah. Unklar blieb, wer eigentlich wen ins Heu gezerrt hatte und wer oben und wer unten lag. Am Ergebnis spielt das aber auch keine Rolle. Sabine hatte eine uneheliche Tochter, war alleinerziehende Mutter und chronisch knapp bei Kasse. Der biologische Vater bezahlte für den Flurschaden, den er mit seinem Ausritt angerichtet hatte – nichts-, denn Sabine hatte sich den Behörden gegenüber standhaft geweigert, den Vater ihrer Tochter zu benennen. Denn der Herr Reitlehrer war zum Zeitpunkt der Zeugung auch schon im fortgeschrittenen Alter von sechzig Jahren gewesen und hatte Angst, dass ihm das Sozialamt einen Teil seiner kleinen Rente wegnehmen würde. Womit er vermutlich nicht ganz Unrecht hatte. So wuchs Sabines Tochter mit dem Geld des Sozialamtes und ‚ihrem‘ Opa auf, der zweimal im Monat vorbeischaute, wenn er mit seinem Rauhaardackel auf dem Weg zum Stammtisch war. Als Mutter mit Kind und mit ihrem Aussehen hatte Sabine keine Chance mehr, noch irgendeinen Mann zu finden, der zu einer Veränderung ihres Familienstandes in nüchternem Zustand willens gewesen wäre. Also begann Sabine eben auch etwas mehr zu trinken als ihr gut tat. Einen Mann hat sie dadurch nicht gefunden, aber das Leben war wenigsten für einige Stunden erträglich. Deshalb war Sabine immer dabei, wenn es daran ging die Umschlagshäufigkeit meines Weinbestandes zu erhöhen. Und Sabine war von den anwesenden ‚Damen‘ auch immer die, die irgendwann im Laufe des Abends in der Toilette verschwand und sich ihren Lebensfrust aus dem Leib kotzte.
Und jetzt musste ich überlegen. Wie hieß denn die andere Freundin noch. Da war doch noch eine, die durchgedreht hatte. Ach ja, genau. Das war Dagmar. Sie war etwa in Helgas Alter, so Mitte Vierzig, plusminus eine paar Jahre. Dagmar sah man das nicht so genau an. Auch hatte ich bei ihr den Eindruck, dass sie lieber etwas älter und erfahrener wirken wollte. Denn Dagmar wollte in die Politik. Dagmar war scharf. Nicht auf Männer wie Uki, die sich auf den Rastplätzen der Autobahn und den Rücksitzen der Autos prostituierte. Nein, Dagmar war scharf auf ein politisches Amt. Die Partei war eigentlich egal, ob Rot oder Grün spielte keine Rolle, Hauptsache es war alternativ. Klassenkämpferisch wie Dagmar nun mal im Laufe ihrer Karriere als Pädagogin, Mutter zweier Kinder und Ehefrau eines meiner Arbeitskollegen, geworden war, entschied sie sich für die Mitgliedschaft und Mitarbeit in der SPD. Fortan durfte Dagmar auf keiner Veranstaltung mehr fehlen, auf der ein Politiker zu irgendwas Nichts zu sagen hatte. Für Dagmar war die Hauptsache, dass die Presse dabei war und in der Öffentlichkeit über das Ereignis berichtet wurde, denn schließlich ging es ja um Wählerstimmen. Vermutlich wäre Dagmars politisches Engagement ohne wesentliche Auswirkungen auf ihre Familie geblieben, wenn, ja wenn Dagmar auf den Wahlveranstaltungen der SPD nicht vertrauliche Informationen aus der Firma ihres Mannes zum Besten gegeben hätte. Das brachte Dagmar zwar erhöhte Aufmerksamkeit von Seiten ihrer zukünftigen Wähler, aber es brachte ihrem Ehemann auch einen Termin bei der Geschäftsleitung seines Arbeitgebers. Dort wurde ihm mitgeteilt, dass man kein Verständnis dafür habe, wenn seine Ehefrau öffentlich unter Verwendung von firmeninternen Informationen politische Stimmungsmache gegen die Firma betrieb. Dem Ehemann wurde nahegelegt, doch bitte dafür zu sorgen, dass Derartiges zukünftig unterblieb. Außerdem wurde er ‚gebeten‘ doch besser auf seine arbeitsvertragliche Verpflichtung zur vertraulichen Behandlung von betrieblichen Informationen zu achten. Für einen leitenden Angestellten mit Personalverantwortung eine klare verbale Abmahnung und das, zumindest vorläufige Ende seiner Karriere. Danach muss es wohl zu einem fürchterlichen Ehekrach gekommen sein. Dabei soll es auch körperliche Attacken gegeben haben. Danach zog der Ehemann aus dem gemeinsamen Reihenhäuschen aus und nächtigte fortan auf dem Dachboden eines alten Bauernhauses, das er an den Wochenende renovierte. Ein Jahr später wurde die Ehe geschieden, die Kinder bleiben bei der Mutter. Ich hatte über die Ereignisse von Helga gehört, so ganz nebenbei. Als ich für das verhalten des Ehemannes vollstes Verständnis bekundete, kam es zu einen handfesten Ehekrach mit Helga, die mir vorwarf ebenfalls einer der Männer zu sein, der seine Ehefrau nur am Herd anbinden will und ihr die eigene Verwirklichung als Frau außerhalb der Ehe missgönnt. Überhaupt seien es ‚die Männer‘ die ihre Frauen verknechten, als billige Haushälterinnen und willige Lustobjekte missbrauchten. Die Diskussion, die mit mir nicht das Geringste zu tun hatte, wurde von Helga durch das Zuschlagen und Abschließen der häuslichen Schlafzimmertüre beendet.
Die Weiber aus dem Sechserpack hatten sich mit ihren selbstgemachten Problemen in meine Ehe gedrängt und Einfluss auf meine Frau genommen. Ich spürte die Veränderung, die mit Helga vor sich gingen, schon seit einigen Monaten. Sie ging mir aus dem Weg, mied den sprachlichen und körperlichen Kontakt. Zuerst dachte ich, es sei eine der typischen weiblichen, sporadisch auftretenden Befindlichkeiten, die man als Mann zwar nicht versteht, aber doch zur Kenntnis nimmt und wartet bis es wieder vorbei ist. Dann waren es Veränderungen in der Art der Kommunikation, die wir uns seit Jahren, bedingt durch meine vielen Reisen, angewöhnt hatten. Ich meldete mich jeden Abend, egal wo auch immer ich gerade war, telefonisch und versuchte die Kinder noch zu erwischen bevor sie ins Bett mussten. Später am Abend rief ich dann nochmals an, bevor Helga zu Bett ging. So war das jahrelang gewesen, es war zum Ritual geworden. Helga wusste immer wo ich war und wie sie mich erreichen konnte. Irgendwann waren unsere Telefongespräche immer kürzer geworden, bis Helga dann meinte ich sollte doch nicht mehr so spät anrufen, weil vom Klingeln des Telefons immer die Kinder aufwachen würden. Außerdem würde sie unter der Woche, wenn ich nicht da sei, immer schon sehr früh zu Bett gehen und nach dem Telefongespräch könnte sie dann lange nicht mehr einschlafen.
Also hatte ich mich daran gehalten und Abends nicht mehr angerufen, obwohl mir die Telefonate fehlten. Sie hatten mir immer das Gefühl vermittelt, auch unter der Woche Teil der Familie zu sein, an deren Leben ich auch aus der Ferne teilnehmen konnte. Ab diesem Zeitpunkt führten wir eine reine Wochenendehe. Ich packte meine Reisekoffer bereits am Sonntag, bevor die Kinder zu Bett gingen. Am Montag war ich meist schon auf dem Weg zum Flughafen, wenn die Kinder aufstehen mussten. Die Woche über war ich unterwegs, teils an verschiedenen Orten, teils mehrere Tage am gleichen Ort. Abends dann müde ins Hotel, noch schnell irgendwo eine Kleinigkeit gegessen, wenn es noch nicht zu spät war ein letztes Bier an der Hotelbar. Dann aufs Zimmer, die Geschäftsunterlagen für den nächsten Tag richten, noch Duschen und Zähne putzen und dann bei laufendem Fernsehapparat einschlafen. Am nächsten Morgen meist früh raus, Frühstück als einer der Ersten, solange noch keine Massenabfertigung war. Gegen acht Uhr dann in Anzug und Krawatte mit Mietwagen oder das Taxi zum Kunden. Bis Abends um acht oder zehn Uhr. Dann wieder ins Hotel, das gleiche oder ein anderes, noch schnell irgendwo eine Kleinigkeit gegessen und wenn es noch nicht zu spät war noch ein letztes Bier an der Hotelbar. Am Freitag, meist in letzter Sekunde mit Mietwagen oder Taxi, gerade noch rechtzeitig zum Flughafen. Einchecken in letzter Sekunde, trotz Vielfliegerstatus vorwurfsvolle Blicke der Bodenstewardessen. Einer der Letzten beim Security Check und kaum im Flugzeug, schon die Lichter ‚Fasten Seatbelt‘. Meist fielen mir, kaum dass das Rumpeln der Räder auf der Rollbahn verklungen war, die Augen zu. Mit der Zeit hatte ich gelernt, meinen Organismus während des Fluges in eine Art Ruhezustand zu versetzen, ähnlich wie der Winterschlaf eines Bären. Obwohl ich jahrelang jede Woche, teilweise mehrfach im Flugzeug saß, habe ich bis heute noch nie eine Flugzeugtoilette benutzen müssen. Bei der Landung in Frankfurt fing mein Organismus wieder an zu arbeiten. Die Wartezeiten bei der Gepäckausgabe und am Zoll ertrug ich meist mit stoischer Ruhe. Anschließend kam dann noch die Fahrt mit Auto oder Bahn nach Hause. Und dort traf ich, wie jetzt, auf mindestens eine der Freundinnen aus dem Sechserpack und im Laufe der Zeit dann auch auf eine seltsame Ehefrau, die auf Distanz zu mir ging, plötzlich die Badezimmertüre abschloss oder dem gemeinsamen Saunagang auswich.
So konnte es nicht weitergehen. Ich musste das ändern. Ich konnte nicht zulassen, dass es so weiterging. Während ich teilnahmslos dem Treiben der Männer und Frauen auf dem Bildschirm zusah, spürte ich wie die Müdigkeit und der Alkohol sich in meinem strapazierten Organismus breit machten. „Leber duck dich“, dachte ich und nahm den letzten Schluck aus der Bierflasche. Dann legte ich mich auf die Couch, stellte den Ton des Fernsehers stumm und war nach wenigen Minuten eingeschlafen.
Am nächsten Morgen hörte ich Helga und meine Tochter in der Küche und im Badezimmer rumoren. Um einer weiteren Diskussion aus dem Weg zu gehen, stellte ich mich schlafend und wartete bis die Haustüre hinter den Beiden in Schloss fiel. Sie würden, wie fast jeden Samstag erst am späten Nachmittag zurück sein. Gegen zehn Uhr weckte mich mein Sohn Ingo. Er hatte Hunger. Ingo war jetzt vierzehn Jahre alt und hatte einen ordentlichen Appetit. Am liebsten Pizza und Coca Cola. Jetzt kniete er vor der Couch und flüsterte mir ein „Hallo Papa“ ins Ohr. Dann drückte er still seinen Kopf gegen mich. Ich genoss die Berührung und die Nähe zu ihm, die ich so lange vermisst hatte. Dann murmelte ich „Hi Tiger“ und strich mit der Hand über seine neue Kurzhaarfrisur, die er sich auf Anraten seiner Mutter hatte schneiden lassen, „du fühlst dich an, wie ein rasierter Igel“. „Und du wie Kojak“, meinte er, „wenn du so weitermachst!“ „So schlimm ist es noch nicht“, brummelte ich, setzte mich auf und fuhr mir mit der Hand durch die verstrubbelten Haare. „Was machen wir heute?“, wollte Ingo wissen und ich wusste sofort, dass das eine rein hypothetische Frage war, denn Ingo wusste ganz genau, was er heute machen wollte. „Keine Ahnung! Lass uns erst mal Frühstück machen. Ich hab einen Mordshunger und brauch jetzt erst mal einen Kaffee und was zu essen. Du auch?“ Ingo schüttelte den Kopf, „Essen können wir doch nach dem Einkaufen“, meinte er und ging in die Küche, wo ich das Geräusch der sich öffnenden Kühlschranktüre hörte.. Mir war klar, wie er sich den weiteren Verlauf des Wochenendes vorstellte. Zuerst Einkaufen im Mediamarkt, dann Pizza beim Italiener, anschließend Fußball spielen und um achtzehn Uhr dann die Sportschau im Fernsehen. Danach Abendessen und eine Runde Schach mit mir oder eine Stunde am Computer. Dann Fernsehen, am liebsten einen Wildwestfilm, und daran anschließend dann Sportsendungen bis zum Einschlafen. „Du brauchst doch nicht schon wieder ein neues Computerspiel?“, rief ich ihm lachend nach. Ingo stand in der Küchentüre und hatte einen aufgerissenen Plastikbecher mit ‚Müllers Kakaotrunk‘ in der Hand. Auf seiner Oberlippe war ein gewaltiger Rand aus Kakao. „Wie kommst du denn darauf“, wollte Ingo wissen und wischte sich mit dem Handrücken den Mund ab um anschließend den Handrücken an der Schlafanzughose abzuputzen. Er folgte meinem vorwurfsvollen Blick auf die Schlafanzughose, auf deren Oberschenkel jetzt ein langer Kakaoschmierer war. „Uups, die Hose muss wohl in die Waschmaschine“, meinte er dann grinsend. „Ja, das denke ich auch. Und du musst auf die Toilette“, erwiderte ich lachend und zeigte auf seine Morgenerektion. Ingo sah langsam an sich hinunter, dann hob er den Kopf und strahlte mich an. „Das habe ich noch gar nicht gemerkt. Also stimmt es doch, was ich in der Schule gehört habe.“ „Was hast du in der Schule gehört?“, wollte ich wissen und erwartete richtigerweise den flotten Spruch eines pubertierenden Jungen. „Hart ist der Zahn der Bisamratte, aber noch härter ist die Morgenlatte!“, meinte Ingo stolz, „kennst du den Spruch?“ Ohne meine Antwort abzuwarten verschwand er in der Toilette. „Klapp den Deckel hoch!“, rief ich ihm nach bevor ich mich auf den Weg ins Badezimmer machte.
Den Tag verbrachten wir genauso, wie Ingo es sich vorgestellt hatte. Zuerst beim Einkaufen, diesmal kein Computerspiel, sondern neue Kickschuhe und Torwarthandschuhe. Ich kaufte mir auch gleich welche. Dann saßen wir lange beim Italiener, aßen Pizza und lasen Zeitung. Ingo den Sportteil und ich Politik und Wirtschaft. Danach fuhren wir zum Sportplatz und wie zu erwarten war, spielten da einige seiner Freunde Fußball. Obwohl ich ihm davon abriet, musste Ingo mit seinen neuen Kickstiefeln Marke Adidas angeben. Er hat dafür mit einer gewaltigen, später offenen Blase an der Ferse gebüßt. Ich stand im Tor und konnte meine neuen Torwarthandschuhe ausprobieren. Ich hielt wirklich gut an diesem Nachmittag. Nach dem Fußballspiel lagen wir im Gras, tranken Cola und fachsimpelten über die verschiedenen Fußballvereine und ihre Chancen für die Meisterschaft. Fast alle Jungs waren für Bayern München und ich hatte ja keine Ahnung. So zumindest konnte ich ihre Argumentationen und ihre Körpersprache interpretieren. Rechtzeitig zur Sportschau um achtzehn Uhr waren wir wieder zu Hause. Helga und meine Tochter waren auch schon da und saßen am Esszimmertisch. Als wir die Wohnung betraten, unterbrachen die beiden ihr Gespräch und es herrschte peinliche eisige Kälte. Ingo schaltete den Fernsehapparat an, ich ging unter die Dusche und anschließend in die Sauna. Später kam Ingo nach und wir hockten zusammen in der Sauna und quatschten über Gott und die Welt. Und über die Schule, in der es wieder mal nicht so gut lief. Trotz Nachhilfe kam Ingo nicht aus dem letzten Klassendrittel raus. Gegen acht Uhr schalteten wir die Sauna aus, Ingo ging nach oben ins Wohnzimmer und ich legte mich noch unters Solarium. Als ich kurze Zeit später zu Ingo ins Wohnzimmer kam, lag er alleine bäuchlings auf dem Boden vor dem Fernsehapparat. Im offenen Kamin brannte das Feuer. Außer Ingo war niemand zu sehen. „Wo sind die anderen?“, wollte ich wissen. „Die sind auf eine Party gegangen. Mama hat gesagt, dass sie so gegen elf Uhr wieder da sind. Wir sollen aber nicht auf sie warten.“ Ich hatte eine passende Antwort auf der Zunge, aber Ingo wäre dafür der falsche Adressat gewesen. „Hast du schon gegessen?“, wollte ich stattdessen wissen. Ingo nickte, „Mama hat mir ein belegtes Brot gemacht. Wollen wir uns einen Western auf Video angucken?“ Obwohl ich dazu keine große Lust hatte, nickte ich mit dem Kopf und ging in die Küche um mir etwas Essbares zu holen. Nach ein paar Minuten kam ich mit einem Käsebrot und einer Flasche Bier zurück und setzte mich neben Ingo auf den Teppichboden in die Nähe des wärmenden offenen Kamins. Ingo hatte nur auf mich gewartet. Er drückte die Knöpfe der Fernsteuerung und auf dem Fernseher erschien der Vorspann zu den ‚Glorreichen Sieben‘ mit Yul Brynner und Steve McQueen. „Tigi, nicht schon wieder. Nicht schon wieder die Glorreichen Sieben. Den Film haben wir jetzt mindestens zehnmal gesehen. Ich kenne jetzt schon jedes Wort auswendig. Muss das jetzt wirklich sein?“ Ingo lachte kurz auf und meinte dann trocken, „ja das muss sein. Erstens ist der Film gut. Und zweitens kannst du den Film gar nicht auswendig kennen, weil du immer spätestens nach der Hälfte einschläfst.“ Ich biss lustlos in mein selbstbelegtes Käsebrot und nahm einen Schluck aus der Bierflasche. Tatsächlich bin ich dann kurz darauf eingeschlafen und Ingo hatte mich geweckt als er, nach dem Ende des Sportstudios im ZDF, zu Bett ging. Es war fast zwölf Uhr und Helga war noch nicht da. Ich brachte meine Essensreste in die Küche, gab dem Kater noch was zu Fressen und ließ ihn dann über die Terrassentür in den Garten. Dann schaltete ich überall das Licht aus und ging ebenfalls zu Bett. Gegen ein Uhr morgens hörte ich Helga nach Hause kommen. Wortlos kam sie zu Bett und legte sich mit dem Rücken zu mir ganz an den äußersten Rand des Ehebettes. Die von ihr ausgehende Kälte war körperlich spürbar. Gedanken an früher, an die Art und Weise wie wir früher miteinander umgegangen waren, ließen mich lange Zeit nicht mehr einschlafen. Irgendwann muss es dann aber doch geschehen sein, denn als ich wieder aufwachte, war es draußen schon hell und der Platz neben mir leer. Aus den Wohnräumen hörte ich Geräusche und Wortfetzen. Ich lauschte, blieb noch etwas liegen und döste vor mich hin, bis die Tür aufflog und Ingo hereinstürmte. „Auf jetzt Papa, du hast versprochen mit mir heute eine Radtour zu machen und alle Leute sind schon auf, nur du nicht. Ich hab die Räder schon aus der Garage geholt und will jetzt noch die Luft prüfen. Komm steh auf, wir jetzt los. Weißt du wo die Luftpumpen sind?“. „Woher soll ich wissen, wo die Luftpumpen sind? Ich habe sie nicht gehabt und als wir das letzte Mal Rad gefahren sind, waren sie noch an den Rädern dran. Zumindest an meinem. Wahrscheinlich haben sie dir deine Luftpumpe am Sportplatz wieder geklaut. Wie beim letzten Mal auch.“ „Dann nehme ich heute deine Pumpe! Kann ich dann auch dein Fahrrad haben? Mit dem kann ich schneller fahren, als mit meinem.“ „Die Luftpumpe kannst du haben, aber mit meinem Fahrrad fahre ich selber. Du hast genau das Gleiche. Nur schmutziger, weniger gepflegt und mit mehr Schrammen. Gib mir zehn Minuten, dann bin ich unten.“ Ich hörte wie Ingo die Treppe herunterpolterte und die Haustüre zuschlug. Dann war es wieder still. Nach einer kurzen Katzenwäsche stand ich in der Küche und suchte im Kühlschrank nach etwas Essbarem, das nicht so kalt war, dass ich davon Magenschmerzen bekommen würde. Schnell würgte ich ein weiches Toastbrot mit Käse herunter und spülte mit einem Schluck von Ingos Kakao nach. Im Büro hörte ich Helga mit jemand telefonieren. Als ich von außen an die angelehnte Bürotüre klopfte unterbrach sie ihr Telefonat und sagte „Ja“. „Ich gehe jetzt mit Ingo Rad fahren. Bis zum Mittagessen sind wir wieder da. Hast du heute Nachmittag mal Zeit. Ich muss mit dir reden! Dringend!“ „Hat Ingo dir nicht gesagt, dass wir uns zum Mittagessen im Gasthof „Rössle“ treffen. Ich habe dort für zwölf Uhr einen Tisch reserviert. Danach muss ich gleich weg zu einer Vernissage, aber so um sechs Uhr bin ich dann wieder zu Hause. Können wir das Gespräch verschieben, bis die Kinder im Bett sind?“ „Wenn die Kinder im Bett sind, sitze ich im Flugzeug nach Wien. Ich muss um sieben Uhr hier weg!“ Helga hielt mit der Hand immer noch den Telefonhörer zu und sah mich an. Ich konnte ihr die Erleichterung förmlich ansehen. „Das ist aber schade“, meinte sie, „ja, dann wünsche ich dir guten Flug.“ Dann hob sie den Telefonhörer ans Ohr und sagte zu ihrem Gesprächspartner, „wo waren wir stehen geblieben?“ Ich stand unter der Bürotüre und kam mir vor wie ein Vollidiot. Wegen diesem Wochenende war ich am Freitag zum Flughafen gehetzt und hatte die Maschine für den Rückflug in letzter Sekunde erreicht. Nach achthundert Kilometer Flug, war ich dann noch bei der Gepäckausgabe in Frankfurt vom Zoll gefilzt worden und hatte mich fast zwei Stunden auf der Autobahn nach Hause gestaut um dort dann in die freitägliche Lästersitzung des Sechserpacks mit nachfolgendem Ehekrach zu platzen. Und jetzt, nachdem bereits die Hälfte meines Heimaturlaubs vorüber war, hatte meine Ehefrau nichts besseres zu tun als, Gott weiß mit wem, zu telefonieren und ihre Zeit mit dem Besuch einer Vernissage zu verbringen. Ich war ein gewaltiger Vollidiot! Diese Erkenntnis fiel zeitlich zusammen mit Ingos Ruf „Papa, kommst du jetzt endlich! Du Rumtrödler, mach jetzt endlich! Ich warte jetzt schon eine halbe Stunde auf dich! Du hast es mir versprochen, dass wir heute Rad fahren, also komm jetzt!“.
Ich drehte mich wortlos um und ging mit Ingo Rad fahren. Wir fuhren absichtlich so weit, dass wir zum gemeinsamen Mittagessen mit Mama zu spät kamen und Mama gleich wieder weg musste. Nach dem Essen ging ich mit Ingo wieder zum Fußball spielen. Diesmal konnte ich nicht ins Tor, sondern musste Verteidiger in der Mannschaft gegen Ingo spielen. Als ich ihn mehrfach bewusst foulte oder an der Hose festhielt, merkte er dass ich keine Lust mehr hatte und wir fuhren nach Hause und tranken Kaffee auf der Terrasse. „Wann musst du wieder weg?, wollte Ingo wissen, der meine beginnende Unruhe spürte. „Um sieben muss ich spätestens fahren, sonst bekomme ich das Flugzeug nicht mehr.“ „Wo musst du nächste Woche hin?“ „Nach Wien. Zwei Tage bei einem Kunden. Das Hotel dazu ist schon gebucht. Den Rest der Woche bei anderen Kunden in der Region, da weiß ich aber noch nicht wo ich übernachten werden. Das kläre ich erst morgen ab. Warum fragst du?“ Ingo zuckte die Schultern und schwieg einige Minuten vor sich hin. Ich dachte schon, er hätte die Antwort vergessen, als er sagte: „Einfach so, ich wollte nur wissen wo du bist, wenn du nicht hier bist. Ich wollte nur wissen wo du bist und wann du wiederkommst.“ Dabei hob er den Kopf und sah mich traurig an. „Die anderen Väter sind nicht so oft weg wie du“, fügte er dann nach einer Weile hinzu, „du fehlst mir. Es ist viel schöner wenn du da bist. Ich möchte, dass du mehr zu Hause bist. Kannst du das machen?“ Ich fuhr ihm mit der Hand liebevoll durch die Haare und legte dann meine Hand auf seine Schulter. „Ich schau mal was ich machen kann, das verspreche ich dir. Ganz ohne Reisen komme ich aber in meinem Job nicht aus. Aber weniger oft, müsste eigentlich gehen. Wir können es ja so machen, dass ich weniger reise und ihr wieder öfter mitkommt, so wie wir das früher oft gemacht haben. Weißt du noch, als du noch kleiner warst, da hatte ich beruflich viel in Österreich zu tun. Da habe ich dann immer versucht meine Geschäftstermine so zu legen, dass auch ein bisschen Urlaub mit euch möglich war. Ich habe dann immer ein ganzes Haus gemietet. Irgendwo am Attersee oder Traunsee oder an der Donau. Zweimal waren wir in Wien. Kannst du dich daran noch erinnern?“ „Ja, genau, das mit Wien, das weiß ich noch, da waren Geisterbahnen und Kinderkarussell.“ „Genau, das war der Prater. Kannst du dich noch an das Riesenrad erinnern?“ „Nein, ich glaube nicht, aber an ein Haus, da war der Bach genau vor der Tür. „Das war kein Bach, das war die Donau, da hast du immer die Schiffe beobachtet. Die Donau war genau vor dem Wohnzimmerfenster.“ „Ja, jetzt kann ich mich wieder erinnern, da habe ich die Schwäne mit Spaghetti gefüttert und dabei bin ich ins Wasser gefallen.“ „Das mit den Spaghetti stimmt“, lachte ich, „aber ins Wasser gefallen bist du nicht an der Donau, sondern an einem Bach im Mühlviertel. Ich hatte dir einen Stock geschnitzt und wollte mir auch einen machen. Nur eine Sekunde habe ich dich in deinem Kinderbuggy aus den Augen gelassen und schon warst du im Bach.“ „Hab ich da geweint?“, wollte Ingo wissen. „Nein, nein, du hast nicht geweint, du warst nur erschrocken. Geweint hast du sehr selten, nur wenn du mal krank warst, richtig krank“, sage ich. „War ich mal richtig krank?“, fragte er. „Ach, ab und zu hast du mal Blähungen gehabt oder Durchfall“, erzählte ich weiter, „dann ein paar mal Erkältungen mit Husten, Fieber und Schnupfen. Etwas Schlimmes eigentlich nicht. Dann hat es dich einige Male hingehauen, einmal von der Treppe, da hast du heute noch die Narbe an der Lippe, dann von der Schaukel und später mal vom Kinderfahrrad, davon hast du noch die Narbe am Kinn. Eigentlich richtig krank gewesen bist du nur gleich nach der Geburt.“ „Warum, was war da?“ „Da haben die Ärzte gemerkt, dass mit dir irgend etwas nicht stimmt. Sie haben dich mit Blaulicht in die Universitätsklinik gebracht und haben dich in eine Art Brutkasten gelegt. Ganz nackig wegen der ultravioletten Strahlung, die helfen sollte deine Leukozytenwerte zu normalisieren. Später hieß es dann, du hättest wohl bei der Geburt den Mund zu früh aufgemacht und Fruchtwasser geschluckt. Auf jeden Fall hattest du eine Lungenentzündung. In diesem Brutkasten habe ich dich dann zum ersten Mal gesehen, du alter Stinker. Ganz verschrumpelt hast du ausgesehen.“ Es war kühl geworden auf der Terrasse und ich sah auf die Uhr. „Jetzt muss ich mich aber beeilen, ich muss noch Koffer packen und meine Geschäftspapiere für die nächste Woche richten. Ich überlege mir mal nächste Woche was wir machen können, damit wir mehr Zeit für uns haben und dann muss ich auch mal dringend mit Mama reden. Wenn sie mal zu Hause ist.“ Ingo gab mir keine Antwort. Das war typisch für ihn. Er verhielt sich absolut neutral und äußerte sich nicht zu Problemen, die seine Eltern hatten. Kurz nach sieben Uhr saß ich im Auto und kämpfte mich durch den Wochenendverkehr zum Flughafen. Das Flugzeug hatte Verspätung und ich kam erst kurz vor Mitternacht in im Hotel an. Helga hatte ich nicht mehr gesehen. Sie war noch nicht zu Hause als ich wegfuhr. Gegen 22:00 Uhr hatte ich vom Flughafen in Frankfurt noch mit Ingo telefoniert, weil ich wissen wollte ob er immer noch alleine zu Hause. Helga war kurz vorher nach Hause gekommen. Komische Vernissage, die von Mittags bis zum späten Abend dauert! Ich nahm mir fest vor, am nächsten Wochenende diese unhaltbaren Zustände endgültig zu beenden.
Die Woche in Wien verlief wie geplant und ich konnte den Rückflug am Freitag auf eine frühere Maschine umbuchen. So kam es, dass ich statt um 21:00 Uhr schon kurz nach 16:00 Uhr mein Auto in der Hofeinfahrt einparken wollte. Wollte, den es gab keinen Platz. Die Plätze vor den Garagen waren belegt und auch die Straße war vollgeparkt. Einige der Fahrzeuge kannte ich; das Lumpenpack vom Sechserpack war wieder da.
Ich spürte, wie in mir die Wut hochkam. Das dauerte bei mir immer lange, aber dann wurde ich meist richtig wütend. Meinen Wagen parkte ich auf dem ersten freien Stelle um die Ecke, ließ mein Gepäck im Auto und ging zur Tür meines Hauses. Schon von draußen konnte ich das Gelächter der ‚Damen‘ hören.. Ich schloss die Haustür auf und öffnete die Wohnungstüre. Rauch und weinselige Stimmung schlug mir entgegen. Und an den Kamin gelehnt, mit dem Rücken zu mir, stand meine Frau mit einem Glas Rotwein in der Hand. „... es ist halt so, dass die Männer wirklich alle bescheuert sind!“, hörte ich sie gerade noch sagen, als ich die Tür öffnete. Einer der Freundinnen, die mich in der geöffneten Tür sehen konnte, erstarb das Lachen im Hals. Die anderen lachten noch und Sabine kicherte irgendwo vor sich hin. Sie war schon wieder so betrunken, dass sie nur noch die Hälfte mitbekam. „Die Party ist vorbei und jetzt raus! Alle! Sofort! Das war die letzte Party hier!“, sagte ich laut genug, dass es jeder hören konnte und hielt die Wohnungstüre auf. Während die anderen sofort den Ernst der Lage erkannten, drehte sich Helga langsam zu mir um. „Ach du bist schon da! Ich hatte erst später mit dir gerechnet. Das Essen ist noch nicht fertig.“, dabei hielt sie mir prostend ihr Weinglas entgegen., „willst du auch noch was trinken?“ Ich nahm Helga vorsichtig das Weinglas aus der Hand und stellte es auf dem Kaminsims ab. Dann holte ich aus und gab ihr eine knallende Ohrfeige. Sie taumelte nach hinten gegen den Kamin und musste sich festhalten um nicht zu fallen. Schützend hielt sie sich die Unterarme vor das Gesicht und duckte sich. Ich trat einen Schritt zur Seite um den Ausgang freizugeben. „Wer nicht innerhalb von einer Minute von hier verschwunden ist, denn werfe ich höchstpersönlich selbst raus. Ich habe eine äußerst hohe Gewaltbereitschaft und rate niemand sich mit mir körperlich oder auch nur verbal anzulegen. Auf eine weitere Anzeige wegen Körperverletzung kommt es mir überhaupt nicht an. Und jetzt Abflug meine Damen; sammeln Sie ihre Kinder und sonstige Utensilien ein und machen Sie dass Sie hier rauskommen.“ Schlagartig herrschte Aufbruchstimmung. Die Damen rafften ihre Siebensachen zusammen und riefen nach ihren Kindern, die irgendwo im Hause waren. Helga hatte sich wieder aufgerappelt. und zischte mich an. „Du bist wohl komplett verrückt geworden? Was erlaubst du dir? Das wirst du mir büßen. Ich zeige dich an wegen Körperverletzung. Das kommt dich teuer zu stehen. Was glaubst du wen du vor dir hast? Das kannst du mit mir nicht machen. Und meine Gäste kannst du auch nicht rauswerfen, das wäre ja noch schöner.“ Ich hob die Hand um ihr gleich noch eine Ohrfeige zu geben, während die ersten Damen an mir vorbei ins Freie und in Sicherheit rauschten. „Halt den Mund. Ich hatte dich gewarnt. Jetzt ist Schluss. Und wenn du hier rumgeifern willst, dann bekommst du von mir gleich noch eine Ohrfeige. Wenn dir hier was nicht passt, dann geh mit deinen Freundinnen durch diese Tür und mache sie für immer von außen zu. Ich halte dich bestimmt nicht auf.“
Während die ersten Freundinnen, eine nach der anderen mit empörten Blicken, aber ohne ein Wort zu sagen, an mir vorüberrauschten, kicherte Sabine in irgendeiner Ecke immer noch dümmlich vor sich hin. Sie hatte in ihrem Rausch immer noch nicht mitbekommen, dass die Party zu Ende war. Auch Helga schien den Ernst der Lage und die Tragweite der Ereignisse noch nicht begriffen zu haben.
© Rolf Robert Frankfurt 2003
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